Prof. Dr. Michael Coors

„Je suis Charlie“

Zur politischen (und theologischen) Logik von symbolischer Identifikation und Stellvertretung

„Je suis Charlie“ – „Ich bin Charlie“: diesen Satz konnte man in den letzten Tagen millionenfach lesen. Auch ich habe mir diesen Satz zu eigen gemacht, sehr spontan aus dem Gefühl und dem Wunsch heraus, mich mit den Opfern des grausamen Massakers von Paris zu solidarisieren. Durch diesen Satz identifizieren sich Millionen von Menschen mit den Opfern des Attentats auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo.

1. Kontrafaktische Identifikation mit den Opfern

Aber natürlich ist das eine Identifikation entgegen der faktischen Wirklichkeit (eine kontrafaktische Identifikation also). Denn natürlich bin weder ich noch irgend jemand anders dieser Millionen Menschen „Charlie Hebdo“ – wenn jemand Charlie ist, dann die Menschen, die für diese Zeitschrift arbeiten und die, die bei dieser Arbeit ermordet wurden. Ein flüchtiger Leser, der die Umstände des Satzes nicht kennt, könnte ihn auch für eine Anmaßung halten: Da beanspruchen wir doch eine Identität, die gar nicht die unsere ist. Nicht ich habe mit meinem Leben dafür gezahlt, das ich den Mut hatte, gegen den Strom zu schwimmen.

Nur versteht derjenige, der den Satz als faktische Identifikation versteht, ihn offensichtlich falsch. Die Identifikation, die mit dem Satz „Ich bin Charlie“ vorgenommen wird, folgt einer anderen, einer symbolischen Logik: Die Identifikation mit dem Opfer der Gewalttat soll signalisieren, dass die Tat nicht nur die unmittelbaren Opfer getroffen hat, sondern alle. Dadurch soll nun aber nicht die Größe der Tat betont werden, sondern die Tatsache, dass sich die Täter damit alle, die sich mit Charlie identifizieren, zum Feind gemacht haben. Die Nachricht ist also: „Indem ihr diese 12 Menschen getötet habt, habt ihr uns alle angegriffen – aber uns alle könnt ihr nicht töten.“ Die Masse von Menschen, die sich mit den Opfern identifiziert, tritt also den Tätern stellvertretend für die Opfer gegenüber. So wird das Opfer zum symbolischen Kristallisationspunkt des Widerstandes gegen den Terror.

Weil es aber gerade darauf ankommt, dass hier viele gemeinsam sprechen, ist es auch nur konsequent, dass sehr schnell aus „Ich bin Charlie“ ein „Wir sind Charlie“ oder „Wir alle sind Charlie“ geworden ist. Damit wird das individuelle Bekenntnis zum Opfer und das individuelle Eintreten für das Opfer zu einem kollektivem Akt – mit dem Problem, dass der Einzelne sich dem dann auch nicht mehr ohne weiteres entziehen kann. Dementsprechend wird das symbolische Bekenntnis dann zum Gegenstand des politischen Streits: Wer hat das Recht sich dieses Symbols zu bedienen?

2. Grenzen der symbolischen Identifikation

Diese Art der politischen Stellvertretung, bei der Viele für das Opfer eintreten und sich mit ihm gegenüber den Tätern solidarisieren, hat aber auch eine Reihe von Risiken und Problemen, die wir nicht übersehen sollten und die deutlich machen, dass diese Art der politischen Stellvertretung nur eine begrenzte Reichweite hat.

Die Identifikation, die hier vorgenommen wird, ist nur punktuell, sie kommt ohne eine weitergehende Identifikation mit dem Inhalt aus. Es hat manch einer „Ich bin Charlie“ gesagt, der auch Kritik an dem hat, was Charlie Hebdo gemacht hat. Auch mir geht es so – ich war und bin mit der Radikalität der Satire von Charlie Hebdo bei weitem nicht immer einverstanden, das gilt besonders für die Art und Weise wie religiöse Satire dort betrieben wurde. Das alles tritt aber in den Hintergrund, wenn es darum geht, für das Grundrecht der Meinungs- und Pressefreiheit einzutreten – getreu dem Motto: „Auch wenn ich das, was Du sagst, Mist finde, kämpfe ich doch für Dein Recht, es sagen zu dürfen“. Dass ich der Meinung bin, dass Charlie Hebdo das Recht hatte, auch solche Satire zu verbreiten, heißt eben noch lange nicht, dass ich es auch gut fand, dass das so gemacht wurde wie es gemacht wurde (sehr lesenswert dazu der Blogbeitrag von Holger Pyka). Das stellvertretende Eintreten für die Opfer, die nichts mehr sagen können, ist also das Eintreten für Ihre Freiheit sich zu äußern – unabhängig davon, was sie äußern – das gehört Logik dieser Art von Stellvertretung.

Man muss hinzufügen, dass dies natürlich auch für alle möglichen anderen Richtungen gilt: Auch wenn ich es großen Mist finde, was auf PEGIDA-Demonstrationen von sich gegeben wird, stehe ich genauso für das Recht dieser Demonstranten ein, dass sie sich äußern dürfen – und kann es dennoch inhaltlich kritisieren. Die Grenze ist erst dort überschritten, wo anderen das Recht auf Meinungsäußerungen strittig gemacht wird. Und in dem Moment, in dem derjenige, der seine Meinung geäußert hat, dafür getötet wird, stehen wir alle, die wir für die Freiheit eintreten, politisch für Ihn ein – darum gilt „Wir sind Charlie“. Das macht aber zugleich auch deutlich, dass Menschen, die auf die Straße gehen, um gegen die Freiheit anderer (z.B. von Muslimen und Flüchtlingen) zu demonstrieren, nicht verstehen, was es bedeutet zu sagen „Je suis Charlie“.

Ein weiteres Problem ist, dass diese Form der Identifikation auch ein Vorgang ist, bei dem andere ausgeschlossen werden: Warum identifizieren wir uns mit Charlie und warum nicht mit dem muslimischen Polizisten Ahmed, der ebenfalls von den Terroristen getötet wurde? Und warum nicht mit den anderen Polizisten, die getötet wurden? Warum nicht mit den Opfern der Geiselnahme, die beim Zugriff der Polizei in Paris getötet wurden? In dem wir sagen „Je suis Charlie“ übergehen wir sie als Opfer. Darum war es wichtig, dass neben die Fomulierung „Je suis Charlie“ die Formulierung „Je suis Ahmed“ getreten ist – zumindest punktuell. Sie hat die Eindeutigkeit der Stellvertretung zumindest im Ansatz aufgelöst und das Bewusstsein dafür wachgehalten, dass hier auch ein Muslim Opfer wurde.

3. Die drei Stufen der symbolischen Identifikation und des stellvertretenden Opfers

Eine alternative Lesart wäre, die Opfer von Charlie Hebdo selber zu stellvertretenden Opfern zu machen. Das Symbol „Charlie“ steht dann nicht mehr nur für die Opfer dieses Attentats, sondern es wird zum Symbol für alle Opfer des Terrors. Damit wird die Deutung noch eine Stufe weitergetrieben, so dass sich als eine Art Zwischenergebnis zeigt, dass die Logik der politischen, symbolischen Stellvertretung drei Entwicklungsstufen hat:

1. Die subjektive Identifikation mit den Opfern: „Ich bin Charlie“
2. Die kollektive Identifikation mit den Opfern im Sinne eines stellvertretenden politischen Eintretens für die Opfer: „Wir sind Charlie“.
3. Die Symbolisierung des Opfers selbst: Die Opfer des Attentats auf Charlie Hebdo werden selbst zu politisch stellvertretenden Opfern, die für alle Opfer politischer Gewalt gegen die freie Meinungsäußerung stehen.

4. „Je suis Baga“?

Diese dritte Stufe der symbolischen Identifikation, in der das symbolische Opfer selbst zu einem stellvertretenden Opfer wird, ist auch im Blick auf die zweite Exklusion wichtig, die der Satz „Wir sind Charlie“ bedeutet: Noch während die französische Polizei die Attentäter von Paris verfolgte, wurde gemeldet, dass in Nigeria Boko Haram fast 2.000 Menschen niedergemetzelt und die Stadt Baga nahezu dem Erdboden gleichgemacht hatte (ein Bericht neben vielen z.B. hier). Doch die Meldung ging neben den Ereignissen von Paris fast unter. Zur Recht fragt sich der Guardian: „Why did the world ignore Boko Haram’s Baga attacks?„. Niemand rief „Ich bin Baga“. Alle blickten nach Paris. Das lag z.E. daran, dass die Aufmerksamkeit in diesem Augenblick gebunden war: Weil wir alle bereits Charlie waren und sind, konnten wir nun nicht auch noch jemand anders sein – und wenn man anfing auch andere Opfer zu erwähnen, dann wurde die Liste schnell lang. Die Identifikation mit Charlie schloss die Identifikation mit Baga aus (Ja, es gab Ausnahmen). Aber auch ohne das Attentat von Paris hätte vermutlich kaum einer sich mit Baga identifiziert. Die Opfer von Baga kommen im Sinne der oben skizzierten Funktion der symbolischen Identifikation erst auf der dritten Stufe wieder in den Blick: Dann stehen die Opfer von Paris nämlich für alle Opfer von terroristischen Gewaltverbrechen – allerdings ist dieser Vorgang dann bereits wieder so abstrakt, dass die wenigsten sich das überhaupt bewusst machen werden.

Aufschlussreich ist natürlich die Frage: Warum setzt ein Attentat in Paris, bei dem 12 Menschen getötet wurden, solch einen politischen Prozess der symbolischen Identifikation und des stellvertretenden Eintretens frei, und ein Attentat in Nigeria, bei dem fast 2.000 Menschen getötet wurden, schafft das nicht? Offensichtlich hat die Frage der kulturellen Nähe etwas damit zu tun: Die Art und Weise wie Menschen in Paris leben ist uns halt einfach näher als das Leben von Menschen in Afrika. Das, was in Paris passiert, kann grundsätzlich auch hier geschehen. Die politischen und kulturellen Rahmenbedingungen sind ja nahezu dieselben. Das Leben in Nigeria hingegen ist uns so fremd, dass es uns schwer fällt, sich mit Ereignissen dort zu identifizieren. Wir nehmen sie in der Nachrichtenberichterstattung eher als Zaungäste wahr. Beim Attentat in Paris ist es jedoch relativ leicht, auch das eigene Umfeld als potentiell betroffen zu sehen. Darum sehen wir uns spontant als mitbetroffen an und identifizieren uns mit den Opfern. Ab dem Moment, ab dem aber die dritte Stufe der Stellvertretung erreicht ist, überschreitet diese Identifikation wiederum die Grenzen, so dass in Paris auch Politiker aus dem Nahen Osten beim Gedenkmarsch unter dem Symbol „Wir sind Charlie“ mitmarschieren konnten. In diesem Moment hieß „Wir sind Charlie“ soviel wie „Wir sind gegen jeglichen Terrorismus“. Damit aber hat sich das Symbol nahezu verbraucht und wird vermutlich schnell verblassen. Es hat für einen Moment Emotionen und politischen Willen kanalisiert und fokussiert, wie es wohl ohne dieses Symbol nicht möglich gewesen wäre. Ab dem Moment, ab dem es sich so weit verallgemeinert hat, dass es sich faktisch vom eigentlichen Geschehen gelöst hat, droht es zu einer politischen Floskel zu werden.

5. Politische und theologische Stellvertretung

Vieles mehr wäre hier zu erörtern. Ich möchte, weil es mich als Theologen besonders interessiert, lediglich einen letzten Punkt noch anreißen, nämlich, dass die Logik der symbolischen Identifikation und des stellvertretenden Opfers eine lange theologische Tradition im Christentum hat. Der Tod Jesu am Kreuz wurde theologisch – unter Aufnahme der alltestamentlichen Vorstellung des Sühnopfers – als ein stellvertretendes Opfer für alle Menschen gedeutet: Christus, der am Kreuz stirbt, stirbt den Tod, den wir alle verdient hätten an unserer statt. Das heißt, die theologische Figur der Stellvertretung setzt zumindest bei Paulus und in den späteren ausgefeilteren theologischen Systemen unmittelbar auf der dritten Stufen an: Derjenige, der den gewaltsamen Tod erleidet, erleidet ihn stellvertretend für andere.

Es scheint mir durchaus lohnenswert darüber nachzudenken, ob dem nicht auch die anderen Stufen von symbnolischer Identifikation vorausgegangen sein könnten. War der Satz „Ich bin Christ“ vielleicht ursprünglich ein Bekenntnis der Identifikation mit dem gekreuzigten Christus, so dass er eigentlich hies „Ich bin Christus“ – ganz analog dem Bekenntnis „Ich bin Charlie“? Wurde aus „Ich bin Christus“ ein „Wir sind Christus“ und schließlich ein „Christus für alle“? Logisch scheint mir das zumindest plausibel – ob sich das religions- und traditionsgeschichtlich anhand der neutestamentlichen Überlieferung nachweisen lässt, ist allerdings noch mal eine andere Frage. Von der Sache her, wäre dabei entscheidend, dass die Person Christi und die Botschaft für die Jesus schon in seinem Leben stand, eine inklusive Botschaft war, die von vornherein darauf angelegt war, nicht andere Opfer auszugrenzen, sondern sie einzuschließen in. Zu sagen „Ich bin Christ(us)“ hieß dann, zu bekennen, dass man für die Botschaft der Versöhnung einstand, die Christus verkündigte, und für die er von den Römern ermordert wurde. Es hieß, sich mit Christus gegen die Gewalt, die Menschen einander zufügen, zu solidarisieren.

Das sind nur ein paar Überlegungen, die sich mir als Theologen aufdrängen, wenn ich die politische Logik der Stellvertretung auf die theologische Rede von Stellvertretung anwende. Anders herum stellt sich natürlich die Frage, ob in der politischen Logik des stellvertretenden Opfers nicht auch theologischen Denkfiguren lebendig bleiben. Spätestens in dem Moment, in dem „Charlie“ selber zum stellvertretenden Opfer auch für andere Opfer wird, droht auch so etwas wie eine religiöse Überhöhung einer ansonsten ja durchaus umstrittenen Zeitschrift. Wäre die alternative zum Verblassen des politischen Symbols sein Übergang in ein religiöses Symbol?

6. Fazit

Ich breche hier ab! Mein Fazit: Für den Moment war es gut und richtig zu sagen „Ich bin Charlie“ – „Wir sind Charlie“. Es war ein politisches Eintreten für die Opfer, gegen die Täter, und es hat einen politischen Zusammenschluss erzeugt, der anders kaum zu erzeugen gewesen wäre. Aber es ist wichtig zu erkennen, wann es an der Zeit ist, das politische Symbol, das seine Wirkung entfaltet hat, wieder loszulassen, bevor es selber zum Gegenstand des politischen Machtkampfes wird.

Verschiedenes weist darauf hin, dass der Satz sich inzwischen – sehr schnell also – verbraucht hat: Die Exklusivität der Identifikation macht andere Opfer vergessen, weil sie in der Regel nicht im oben genannten dritten Sinne der Stellvertretung verstanden wird. Spätestens aber seit der Satz „Je suis Charlie“ auf der PEGIDA-Demo in Dresden instrumentalisiert wurde und damit auch zum Gegenstand eines politischen Streits um die Deutungshoheit geworden ist, scheint mir, dass seine Wirkung verblasst ist. Jetzt wäre also ein guter Zeitpunkt, den Opfern des Attentats ihre Ruhe zu lassen.

„Je suis Charlie“

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