Prof. Dr. Michael Coors

Freiheit von oder Freiheit zur Religion?

Das Thema Religion ist wieder auf der Tagesordnung: Die einen haben Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung des sogenannten christlichen Abendlandes oder schüren diese Angst (aber die meisten Christen machen dabei einfach nicht mit). Die Anderen denken angesichts des islamistischen Terrorismus der Anschläge von Paris wieder über das Thema nach. Diese Entwicklungen verstärken dabei bloß eine schon lange gärende und immer wieder hoch kochende Debatte über die Rolle der Kirchen und der Religionen in unserer Gesellschaft.

So wird schon länger angesichts der wachsenden Bedeutung des Islam (weit jenseits einer Islamisierung unserer Gesellschaft) diskutiert, einen islamischen Religionsunterricht neben an den Schulen einzuführen. In verschiedenen Bundesländern wird dies bereits praktiziert und erprobt. Deutlich wird hier die Tendenz, anderen Religionsgemeinschaften einen den christlichen Kirchen ähnlichen Status zuzuerkennen. Religionsfreiheit soll in diesem Sinne als Freiheit zur Religion praktiziert werden: Das setzt voraus, dass unterschiedliche Religionen im öffentlichen Raum nebeneinander existieren.

Auf der anderen Seite waren z.B. in den ethischen Diskussionen über die Beschneidung von Jungen oder über das Schächten von Tieren, sehr deutlich Stimmen zu hören, die eine Verdrängung jeglicher Religion aus der Öffentlichkeit fordern – die also für ein sogenanntes laizistisches Gesellschaftsmodell plädieren: Religionsfreiheit wird in diesem Gesellschaftsmodell als Freiheit von der Religion begriffen. Religion wird dann völlig ins Private verdrängt. Mehr Laizismus zu wagen, hat nun angesichts von PEGIDA auch Simon Urban in der ZEIT gefordert. Doch ist mehr Laizismus wirklich die adäquate Antwort auf die aktuellen Probleme unserer Gesellschaft mit Religionen?

Ein paar Grundlagen

Man kann m.E. im Wesentlichen von drei unterschiedlichen Modellen ausgehen, die das Verhältnis von Religion und Staat bzw. Gesellschaft jeweils unterschiedlich regeln (im Folgenden jeweils anhand eines Beispiels erklärt):

  1. Staatskirche (z.B. Dänemark): Hier sind Staat und Kirche unmittelbar miteinander verbunden. Das dänische Parlament (Folketing) ist die höchste gesetzgebende Instanz auch in der Kirche. Eine eigene Kirchenverwaltung gibt es darum nicht. In theologische Fragen allerdings mischt sich das Parlament nicht ein: da agieren die Bistümer selbständig.
  2. negative Religionsfreiheit oder sog. laizistische Gesellschaftsordnung (z.B. Frankreich): Dabei handelt es sich um das genaue Gegenmodell zu (1). Religion wird vollständig aus dem öffentlichen Raum verbannt, insbesondere aus allen öffentlichen Einrichtungen. Deswegen ist schon das Tragen religiöser Symbole (z.B. Kreuz oder Kopftuch) in der Regel verboten – z.B. auch für Schülerinnen und Schüler. Religionsfreiheit heißt hier Freiheit von der Religion. Wer seine Religion ausüben will, kann dies tun, aber nur so, dass es im öffentlichen Raum nicht auffällt, also zu Hause oder in den Gebäuden, die den Religionsgemeinschaften gehören.
  3. Positive Religionsfreiheit (z.B. Deutschland): Das deutsche Modell beruht auf der Überzeugung, dass Religionsfreiheit besser als Freiheit zur Religion denn als Freiheit von der Religion gestaltet wird. Dem liegt das Ideal einer Gesellschaft zu Grunde, in der unterschiedlichen Religionen im öffentlichen Raum koexistieren. Darum gilt vom Grundgesetz her in Deutschland das Recht auf freie und ungestörte Religionsausübung (Art 4, Abs. 2 GG). Die christlichen Kirchen haben vor diesem Hintergrund in bestimmten Bereichen eine Kooperation mit dem Staat vereinbart (das gilt aber auch für andere Religionsgemeinschaften wie z.B. das Judentum). Der Staat selber bleibt dabei säkular, weil er sich selber kein religiöses Bekenntnis zu Eigen macht.

Zu (1) lohnt sich hier eigentlich nur der deutliche Hinweis, dass wir in Deutschland entgegen allen Unkenrufen von Kirchenkritikern keine Staatskirche haben, sondern dass hier grundsätzlich die Trennung von Staat und Kirche gilt und auch umgesetzt wird. Weil Deutschland jedoch nicht dem französischen Modell einer laizistischen Gesellschaftsordnung folgt, steht in Deutschland grundsätzlich jeder Religionsgemeinschaft die Möglichkeit offen, mit dem Staat zu kooperieren. Diese Möglichkeit ist allerdings aufgrund der geschichtlichen Entwicklung bisher v.a. von den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland realisiert worden.

Warum der Laizismus keine Lösung ist

Klar ist bei diesem Thema: Ich bin Partei! Als Pastor einer evangelischen Landeskirche kann ich sicher nicht behaupten, neutral zu sein. Auf der anderen Seite, weiß ich aber dafür, wovon ich rede, wenn ich über Religion rede. Eines der Defizite in den aktuellen Diskussionen über die Rolle von Religionen im säkularen Staat scheint mir, dass viele Menschen überhaupt kein Verständnis mehr davon haben, was es bedeutet einen religiösen Glauben wirklich zu leben. Ein religiös praktizierender Mensch zu sein, scheint in Deutschland halt etwas aus der Mode gekommen zu sein (darüber lasse ich mich auch von den immer noch hohen Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen nicht hinwegtäuschen). Interessanter Weise gilt das gerade auch bei denen, die meinen das christliche Abendland zu verteidigen! Die Frage ist aber auch, ob in dieser Frage überhaupt irgendjemand neutral ist: Denn auch der- oder diejenige, der oder die von sich behauptet areligiös zu sein, ist in diesem Streit ja Partei.

Insgesamt beunruhigt mich bei dieser Diskussion, dass viele von denen, die ein laizistisches Gesellschaftsmodell fordern, eine unverhohlene Religionsfeindlichkeit zum Ausdruck bringen: Wer religiös ist, gilt dann als dumm und verblödet. Diese Religionsfeindlichkeit richtet sich dabei häufig gegen das, was die Menschen selber halt nicht mehr kennen und darum nicht nachvollziehen können – eben die Religionen. Es spricht übrigens m.E. einiges dafür, dass das bei PEGIDA ähnlich ist: Diese Bewegung ist weniger islamophob als vielmehr grundsätzlich religionsfeindlich – das hat m.E. zu Recht der Politikwissenschaftler Werner Patzelt im Interview betont. Dadurch erklärt sich auch relativ gut, dass PEGIDA im weitaus stärker säkularisierten Osten mehr Zulauf hat als im Westen. Diese Bewegung passt in eine Gesellschaft, der ernsthafte religiöse Orientierung vielfach nur noch fremd ist: Menschen islamischen Glaubens, die ihren Glauben auch noch ernst nehmen irritieren da einfach.

Dieses Problem wird man aber durch eine laizistische Gesellschaftsordnung nicht lösen, sondern eher noch verstärken. Wenn Religionen nämlich nicht mehr im öffentlichen Leben auftauchen, wird religiöse Praxis vielen Menschen eher noch fremder werden als jetzt schon. Und damit wird die Fähigkeit zum Umgang mit Religionen noch mehr schwinden. Ein positiver Effekt der Modells einer positiven Religionsfreiheit, bei der die Religionen ihre Praxis ungehindert in der Öffentlichkeit ausüben dürfen, liegt ja zunächst einmal darin, dass die unterschiedlichen Religionen in den gesellschaftlichen Diskurs integriert werden, so dass es hier auch gegenseitige Lernprozesse gibt.

Klar ist dabei außerdem, dass die öffentliche Religionsausübung mit den anderen Grundrechten konform gehen muss. Dadurch sind die unterschiedlichen Religionen auch genötigt sich grundrechtskonform zu orientieren. In einer laizistischen Gesellschaftsordnung wie in Frankreich besteht dagegen ein sehr viel höheres Risiko, dass eine religiöse Radikalisierung in privaten Hinterzimmern stattfindet. Das kann man natürlich auch in Deutschland nicht ausschließen, aber eine Religionsgemeinschaft, die in den öffentlichen Diskurs integriert ist, dürfte sehr viel mehr Widerstandskräfte gegen solche Radikalisierungen entwickeln. Statt also Religionen aus dem gesellschaftlichen Diskurs auszugrenzen, scheint es mir auch aus Sicht des säkularen Staates sehr viel klüger, die unterschiedlichen Religionen in den öffentlichen Diskurs mit einzubinden.

Das hat darüber hinaus den Vorteil, dass die Gesellschaft von den oft Jahrtausende alten Erfahrungsschätzen der Religionen profitieren kann: Die unterschiedlichen Religionen haben z.B. Praktiken und Riten der Versöhnung und des Dialogs etabliert oder auch der sozialen Hilfe, von denen unsere Gesellschaft erheblich profitieren kann. So unterstützen die Religionsgemeinschaften auch den Staat in der Ausübung seiner Pflichten, z.B. dadurch, dass Kirche und Diakonie Kindergärten, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen unterhalten. Dass da immer auch erhebliche staatliche Gelder reinfließen ist mir dabei klar: Es wäre aber für den Staat immer noch erheblich teurer das alles selbst zu organisieren.

Das sind einige der Gründe, aufgrund derer es mir sinnvoller erscheint, Religionsgemeinschaften offensiv in den gesellschaftlichen Diskurs mit einzubinden als sie aus diesem zu verdrängen. Das heißt aber in Deutschland, dass auch andere Religionsgemeinschaften als die christlichen mehr Möglichkeiten bekommen sollten, am öffentlichen Diskurs teilzunehmen und mit dem Staat zu kooperieren. Zur konkreten Ausgestaltung dessen, habe ich damit noch nichts gesagt. Es erscheint mir durchaus wahrscheinlich, dass dafür auch das deutsche Staatskirchenrecht umgebaut werden muss in ein Staatsreligionsrecht, das auch den Umgang mit anderen Religionen als dem Christentum ermöglicht. Grundsätzlich aber gehen m.E. Initiativen z.B. für islamischen Religionsunterricht oder die Einbeziehung von Vertretern anderer Religionen z.B. in den Deutschen Ethikrat in die richtige Richtung. Bei einer Verdrängung der Religionen aus der Öffentlichkeit würden m.E. beide Seiten – Religionen und Gesellschaft – mehr verlieren als gewinnen.

Freiheit von oder Freiheit zur Religion?

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