Prof. Dr. Michael Coors

„Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion“ – in der multireligiösen Gesellschaft?

Weil ein Kollege aus Bremen in seiner Predigt andere Religionen beleidigt hat, kochen die Gemüter derzeit mal wieder hoch: Immerhin hat er allen eindrücklich vor Augen geführt, dass es radikale Ansichten nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum gibt. Erste Zeitungen reden schon vom christlichen Hassprediger. Nun will ich hier aber nicht über diese Predigt schreiben – die selber zu hören oder zu lesen ich ehrlich gesagt keine allzu große Motivation verspüre. Aber eine Predigt mit solch einem Zungenschlag verursacht Diskussion über ein sehr viel grundsätzlicheres Thema, nämlich die berühmte Gretchen-Frage: „Wie hast Du’s mit der Religion?“. Nur ging es bei Faust da noch ausschließlich um die christliche Religion, mit der Faust es bekanntermaßen nicht so hatte. Heute aber stellt sich diese Frage in einer multireligiösen Gesellschaft nicht nur für die Nichtreligiösen, sondern auch für die Religiösen, insbesondere für Christinnen und Christen, die sich zumindest in Deutschland immer noch daran gewöhnen müssen, dass die Gesellschaft religiös vielfältiger wird. Die Frage, die sich mir als Christ und Pastor stellt ist also: Wie hast Du’s mit der anderen Religion? Denn mit dem gleichberechtigten Auftreten unterschiedlicher Religionen in der Gesellschaft scheint so etwas wie ein religiöser Wahrheitsanspruch nicht mehr möglich zu sein.

Doch kann man den Wahrheitsanspruch des eigenen Glaubens aufgeben, wenn man den Glauben nicht auf die Befriedigung eines religiösen Grundbedürfnisses reduzieren will? Hinter der Kritik am religiösen Wahrheitsanspruch steht letztlich die Annahme, dass derjenige, der seinen eigenen Glauben für den wahren Glauben hält, automatisch den Glauben anderer Religionsgemeinschaften herabsetzt. Gibt man aber auf der anderen Seite den Wahrheitsanspruch auf und erklärt Religionen zu lediglich unterschiedlichen Antwortmodellen auf religiöse Grundbedürfnisse, dann ist der konsequente nächste Schritt die Vermischung unterschiedlicher religiöser Praktiken und Symbole: Das Ergebnis ist dann die klassisch moderne Patchwork-Religion. Damit aber haben doch manche Christinnen und Christen, die an ihrem Glauben aus Überzeugung (und das heißt auch Überzeugung der Wahrheit des Glaubens) festhalten, ein Problem. Und das kann dann wiederum leicht zu Radikalisierungen innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaften führen.

Demgegenüber möchte ich hier zwei Thesen vertreten, die vielen auf den ersten Blick als Widersprüchlich erscheinen werden:

1. Ich halte am Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens fest. Ich bin überzeugt davon, dass sich Gott in Jesus Christus wahrhaftig als der gezeigt hat, der er ist, nämlich als erbarmender und vergebender Gott – als Schöpfer, Versöhner und Erlöser. Ohne diesen Wahrheitsanspruch könnte ich meinen christlichen Glauben nicht mehr ernst nehmen. Diesem Wahrheitsanspruch nachzudenken und in der Diskussion mit anderen herauszuarbeiten, wie er genau zu interpretieren ist und was er bedeutet, ist für mich der Kern des theologischen Arbeitens.

2. Zugleich bin ich davon überzeugt, dass es aus dem christlichen Glauben heraus möglich ist, einen guten und fairen Umgang mit Menschen anderer Religionen zu pflegen, und sie in ihrer Religion mit ihrem je eigenen Wahrheitsanspruch zu akzeptieren. Das heißt für mich auch, anderen Religionsgemeinschaften in der Gesellschaft die gleichen Rechte einzuräumen, die die christlichen Kirchen schon haben. Damit gehe ich also davon aus, dass andere Religionen auf ähnliche Weise einen Wahrheitsanspruch formulieren, wie ich ihn hier für den christlichen Glauben formuliere.

Das beides geht zusammen, weil zum christlichen Glauben m.E. die Überzeugung gehört, dass meine eigene Einsichts- und Erkenntnisfähigkeit gerade im Blick auf religiöse Wahrheit begrenzt ist. Es geht um einen Wahrheitsanspruch und nicht um die Wahrheit an sich. Die Wahrheit ist nach christlicher Überzeugung alleine in Jesus Christus. Das heißt, dass ich als Christ die Wahrheit nicht für mich gepachtet habe; denn ich bin ja nicht Jesus oder Gott, sondern ein einfacher sterblicher Mensch mit sehr begrenzter Einsicht. Ich glaube aber an diese Wahrheit mit Namen Jesus Christus: Und „glauben“ heißt hier zunächst und v.a. sich Christus anzuvertrauen. Dass er die Wahrheit ist, kann aber weder ich noch sonst irgendjemand nach menschlichen Maßstäben beweisen – so wenig wie sich Gott beweisen lässt. Als Christ zu glauben bedeutet darum für mich auch einzusehen, dass die für alle Welt sichtbare Bewahrheitung dieses Glaubens noch aussteht und nicht von Menschen herbeigeführt werden kann. Nur Gott selbst kann Menschen von der Wahrheit des Glaubens überzeugen.

Darum kann ich ohne Probleme akzeptieren, dass andere etwas anderes glauben und für wahr halten. Ja, ich kann noch nicht einmal ausschließen, dass die unterschiedlichen Wahrheiten der unterschiedlichen Religionen sich am Ende als eine Wahrheit erweisen werden. Das heißt auch, dass mit dem Wahrheitsanspruch der eigenen Religion eben nicht die Aussage verbunden ist, dass die anderen Religionen falsch sind. Ich weiß das schlicht nicht und kann es auch gar nicht wissen! Ich kann allerdings auch nicht einfach behaupten, dass alle Religionen von derselben Wahrheit zeugen. Denn für beides – die Behauptung der Wahrheit aller Religion wie auch der Behauptung der alleinigen Wahrheit einer Religion – fehlt mir als Menschen schlicht die Grundlage!

Wenn ich aber in meinem christlichen Glauben diese Grenze der eigenen Erkenntnisfähigkeit ernst nehme, dann kann ich mich auch nicht über andere Religionen erheben und sie runtermachen. Ich kann nur meinen Glauben bekennen und von ihm reden und darauf vertrauen, dass Gottes Wahrheit sich zeigt und durchsetzt. Und der Weg auf dem sich diese Wahrheit durchsetzt ist eben der Weg Jesu, der Weg der Versöhnung. Das heißt zur eigentümlichen Logik religiöser Rede von Wahrheit gehört es m.E., dass die Wahrheit der einen Religion nicht zwangsläufig das Falschsein der anderen bedeutet. Sondern „Wahrheit des Glaubens“ bedeutet, zumindest im Christentum, eine Anforderung an das je eigene Leben und nicht an das Leben der anderen.

Darum kann ich zumindest als Christ sehr gut in einer multireligiösen Gesellschaft leben und je mehr ich in Gespräche mit Menschen anderer Religionen eintrete desto mehr überraschen mich sowohl die Gemeinsamkeit als auch immer wieder die Einsicht in mache unüberwindbare Differenz – aber gerade diese Differenzen machen das Gespräch auch oft spannend und erhellend.

„Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion“ – in der multireligiösen Gesellschaft?

Ein Gedanke zu „„Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion“ – in der multireligiösen Gesellschaft?

  1. Lieber Michael,
    und schon wieder stimme ich Dir zu! Zumal wir durch Jesus Christus eine Art Radikalisierung uns ins Stammbuch geschrieben bekommen haben: Jenseits aller Wahrheitsansprüche und -diskurse schlicht selbst noch den „Feind zu lieben“, sich also erst einmal selbst zu entfeinden, so schwierig das dann in der politischen Ethik und im konkreten Umgang zu stehen kommt. Das ist allerdings, auch wenn sich die Christenheit oft aggressiv gebärdet hat, ein Unterschied von Jesus zu Mohammed: Ersterer hat sein Leben hingegeben für viele / alle, Letzterer war auch ein Feldherr. Noch einmal anders gewandt, wie ich es seit Anfang der 1990ern sage: Niemand darf aus den ihm / ihr zuteil gewordenen Wahrheitseinsichten, die jede(r) bezeugen soll, Letztgeltungsansprüche machen, am allerwenigsten mit Gewalt. Und zum „Bezeugen“ fällt mir folg. Rabbinenwort ein: „Rede nicht oft von Deinem Glauben, aber verhalte dich so, dass du oft nach deinem Glauben gefragt wirst.“
    Dank und Gruß – Hans Joachim,
    eifriger Leser Deiner Blogs, der hofft, durch diesen Komm. nicht in irgendein social-medium eingemeindet zu werden

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