Prof. Dr. Michael Coors

Was zur Hölle …? Vom Glauben und vom Fürchten

Ein Tweet hat mich dazu angeregt, etwas mehr zu schreiben als 140 Zeichen. Denn bei Twitter stolperte ich die Tage über die folgende Frage:

Die Frage hat mich zu einer kurzen spontanen 140-Zeichen-Antwort herausgefordert:

Das ist eine sehr kurze und sehr gedrängte Antwort (und sie ist auch noch mit einem Tippfehler versehen). Darum will ich den Gedanken hier noch etwas ausführen (und werde dafür auch mehr als 4.000 Zeichen brauchen …).

Der entscheidende Punkt bei der ganzen Sache ist m.E. das Wort „glauben“. In den Sätzen „Ich glaube an Gott“ und „Ich glaube an die Hölle“ bedeutet das Wort „glauben“ nämlich jeweils etwas ganz unterschiedliches. Denn zu sagen „Ich glaube an Gott“ ist ja etwas anderes als die allgemeine Behauptung, dass es einen Gott gibt. Den Glauben an Gott für ein (nicht ganz abgesichertes) Tatsachenwissen zu halten, ist zwar ein verbreiteter Irrtum, dass das aber so einfach nicht ist, hat schon der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seiner Vorlesung über Religion benannt: Denn die Aussage „Ich glaube an Gott“, funktioniert offensichtlich ganz anderes als z.B. die Aussage „Ich glaube, dass über mir ein Flugzeug“ fliegt. Das zweite ist eine nicht abgesicherte Tatsachenbehauptung. Ich kann sie überprüfen, in dem ich mach oben gucke. Das geht aber für den Satz „Ich glaube an Gott“ nicht. Denn es lässt sich eben nicht so einfach überprüfen, ob Gott wirklich da ist oder nicht.

In dieser Hinsicht funktioniert der Satz „Ich glaube an Gott“ eher wie der Satz „Ich glaube, sie/er liebt mich“. Beides kann ich nicht einfach dadurch überprüfen, dass ich irgendwo hingucke und dann feststelle, das da auch das ist, woran ich glaube, sondern beides lässt sich nur dadurch bewahrheiten, dass ich mich in meinem Leben auf eine Beziehung einlasse (zur Person, die mich liebt, oder eben zu Gott). Die Wahrheit der Liebe einer anderen Person erschließt sich nur dem, der sich auf diese Liebe einlässt – ebenso erschließt sich die Wahrheit Gottes nur dem, der Glauben nicht nur als Behauptung der Existenz Gottes versteht, sondern der sein Leben im Vertrauen auf diesen Gott führt.

So hat – schon lange vor Ludwig Wittgenstein – Martin Luther bereits festgestellt, dass das Wort „glauben“ in erster Linie mit „vertrauen“ zu übersetzen ist – und in der Tat ist das auch die primäre Bedeutung sowohl des griechischen als auch des hebräischen Wortes, das in der Bibel mit „glauben“ übersetzt wird. An Gott zu glauben, heißt darum ein Leben im Vertrauen auf Gott zu führen. Dazu gehört dann zwar auch, dass ich bestimmte Aussagen des Glaubens für wahr halte und ein Wissen über das brauche, was ich glaube. Aber all das ist nur von Bedeutung im Blick darauf, dass es mir auf Gottes Zusage der Vergebung zu vertrauen und daran mein Leben auszurichten. Die altlutherische Theologie unterschied darum am Glauben drei Aspekte: (1) notitia = Wissen, (2) assensus = Zustimmung, (3) fiducia = Vertrauen. Das Wesen des Glaubens, das wurde dabei immer betont, liegt in der fiducia, also dem Vertrauen.

Wenn man das Wort „glauben“ aber so versteht, dann ist klar, dass ich in diesem Sinn nicht an die Hölle glauben kann. Ich kann mein Leben ja schlecht im Vertrauen auf die Hölle führen, sondern wenn es eine Haltung gegenüber der Hölle gibt, die ihr angemessen wäre, dann doch wohl Furcht und Angst. Aber, so mag man einwenden, kann der Satz „Ich glaube an die Hölle“ nicht einfach im Sinne eines „Ich glaube, dass es sie gibt“ verstanden werden? Man kann das schon so meinen. Nur was bringt es an irgendwelchen nicht überprüfbaren metaphysischen Tatsachenbehauptungen festzuhalten, die keinerlei Relevanz haben?

Mir scheint vielmehr, dass die Bedeutung der Rede von der Hölle darin liegt, das zu benennen, was Menschen Angst und Furcht macht, und wozu der Glaube an Gott das genaue Gegenbild ist: An Gott zu glauben, heißt in diesem Sinne immer, die Furcht vor der „Hölle“ zu fliehen. „Hölle“ verweist also auf das, wovor wir uns durch Gott bewahrt finden. Während das im Mittelalter und bis in die frühe Neuzeit hinein für die meisten Menschen eine irgendwie geartete Hölle nach dem Tod war, ist es für viele Menschen heute interessanter Weise eher die Welt, in der wir leben. Am bekanntesten und pointiertesten ist da der Satz Jean Paul Sartres: „Die Hölle, das sind die anderen.“ (Sartre, Geschlossene Gesellschaft, Hamburg 1991, S. 59).

Es kann also durchaus sinnvoll sein, unter sehr bestimmten Bedingungen mal von der „Hölle“ zu reden, nämlich wenn es darum geht unsere Ängste zu thematisieren bzw. das anzusprechen, was für uns das radikale Gegenstück zu einem Leben in Vertrauen auf Gott ist. Insgesamt würde ich aber auf den Begriff eher verzichten, weil die meisten ihn sowieso missverstehen. Aber auf keinen Fall kann ich an die Hölle glauben. Und ich fürchte sie auch nicht, denn ich glaube an einen Gott, der Fehler vergibt.

Was zur Hölle …? Vom Glauben und vom Fürchten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben scrollen