Prof. Dr. Michael Coors

Der Deutsche Ethikrat zu Organtransplantation und Hirntod, Teil III

In Teil I und II meiner kleinen Blogreihe zur neuen Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zur Organtransplantation habe ich bereits thematisiert, dass der Ethikrat in seiner Stellungnahme erfreulich offen mit den Ambivalenzen des Themas umgeht und dass im Blick auf die Deutung des Hirntodes zwei unterschiedliche Positionen vertreten werden. Position A geht davon aus, dass der Hirntod ein hinreichendes Kriterium für die Feststellung des Todes eines Menschen ist, während Position B dies nicht so sieht. Zugleich habe ich aber bereits angedeutet, dass die Vertreter von Position B dem m.E. zwei unterschiedliche Positionen entgegensetzen, nämlich das hirntote Menschen entweder in einem Zustand minimaler Lebendigkeit sind (B1) oder dass sie weder lebend noch tot sind (B2). In diesem Blogbeitrag geht es mir nun darum, was aus dieser Differenz für Konsequenzen gezogen werden und zwar (1) im Blick auf die sog. dead-donor-rule und (2) im Blick auf den Umgang mit Informationen zur Organspende.

1. Organe nur von Toten spendern?

Die Vertreter der klassischen Auffassung vom Hirntod als dem Tod des Menschen halten an dieser Regel fest: Organe gibt es nur von toten Spendern. Bezweifelt man nun aber, wie die Vertreter von Position B, dass der Hirntod der Tod des Menschen ist, scheint es zunächst genau genommen zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder man hält die Entnahme von Organen grundsätzlich für einen Akt der Tötung und damit für grundsätzlich unzulässig, oder aber man weicht von der Regel ab, dass Organe nur von toten Spendern entnommen werden dürfen.

Wer die dead-donor-rule aufgeben will, wie die Vertreter von Position B, sieht sich allerdings vor erhebliche Probleme gestellt, die die Vertreter von Position A auch anführen: „Ein Lebender darf unter keinen Umständen, auch nicht als Sterbender, aus fremdnützigen Gründen getötet werden“ (S. 105). Geht man mit den Vertretern von Position B davon aus, dass hirntote Menschen in einem Zustand minimaler Lebendigkeit sind, dann wäre die Entnahme von Organen eine Tötungshandlung. Der Versuch das dadurch zu legitimieren, dass es ja in diesem Zustand keinen Weg ins normale Leben mehr zurück gibt und dass diese Menschen ja ohne medizinische Versorgung schon lange nicht mehr am Leben wären (S. 98f), kann nicht wirklich überzeugen: Diese Argumentation erinnert vielmehr stark an die Legitimation der Tötung auf Verlangen in den Niederlanden und noch mehr an die Tötung ohne Verlangen, die in den Niederlanden bei schwerstkranken Säuglingen vorgenommen wird (s. dazu das lesenswerte Buch von Gerbert van Loenen). Auch hier wurde und wird argumentiert, dass diese Säuglinge ja nur noch aufgrund der medizinischen Eingriffe leben und dass eine Tötung darum gewissermaßen nur das Zurücknehmen dieses Eingriffes wäre. Dennoch bleibt diese Handlung die Tötung eines lebenden Menschen und die Argumentation konterkariert die vielfältigen Bemühungen, einer rechtlich und ethisch klaren Unterscheidung zwischen Tötung auf Verlangen und Zulassen des Sterbens, an der in den letzten Jahren viel gearbeitet wurde und die inzwischen erfreulicher Weise rechtlich wie ethisch eigentlich weitgehend unumstritten ist.

Ich neige also soweit eindeutig der Position A zu: Die dead-donor-rule darf nicht aufgegeben werden, weil wir sonst mit der Entnahme von Organen faktisch die Tötung auf Verlangen zulassen würden. Nun gibt es aber in der Gruppe derjenigen, die Position B vertreten, offensichtlich noch eine weitere Position bezüglich der Frage, ob hirntote Spender tot sind oder nicht: Diese Position geht davon aus,

dass das Phänomen des Hirntoten durch die traditionellen, als identisch angesehenen, dichotomen Unterscheidungen „lebend = nicht tot“ und „tot = nicht lebend“ nicht mehr adäquat erfasst werden kann. (S. 101)

Kurz gesagt: Hirntote Menschen sind weder lebend noch tot. Sie werden in bestimmter Hinsicht nicht als tote Menschen erlebt, in anderer Hinsicht sind sie aber auch keine normal Lebenden mehr. Den Vertretern dieser Position zu Folge muss man von einem „dritten Status“ reden (S. 102). Ich für meinen Teil halte diese Phänomenologie des Zustandes Hirntod für die angemessenste und habe den Eindruck, dass in der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates die Differenz zwischen der Vorstellung, ein hirntoter Mensch sein weder leben noch tot (B2), und der Vorstellung, er sei im Zustand minimaler Lebendigkeit (B1), zu schnell eingeebnet wird. Denn m.E. folgt gerade im Blick auf den Umgang mit der dead-donor-rule daraus sehr unterschiedliches.

Hält man Hirntote für minimal lebendig kommt man um die Aussage, dass man sie mit der Organentnahme tötet m.E. nicht herum. Geht man aber davon aus, dass sie weder lebend noch tot sind, so handelt es sich zumindest nicht im klassischen Sinne um eine Tötungshandlung, weil sie eben nicht mehr lebende Personen sind. Auf der anderen Seite bleibt der Eingriff in erhöhtem Maße rechtfertigungspflichtig, weil sie eben auch noch nicht im klassischen Sinne tot sind. Der Sinn der dead-donor-rule würde hier in dem Sinne gewahrt, als dass diese Regel eine Tötung von lebenden Personen verbietet: Diese Regel geht eben von der hier nicht mehr gültigen Gleichsetzung von „tot“ und „nicht lebend“ aus: Nur Organe von toten Spendern zuzulassen bedeutet keine Organe von lebenden Spendern zu nehmen, weil man diese dadurch töten würde. Geht man aber davon aus, dass hirntote Menschen zwar nicht mehr leben, aber auch noch nicht tot sind, dann würde man diese Regel immerhin in dem Sinne befolgen, dass man keine Organe von noch lebenden Menschen entnimmt, die man durch die Organentnahme töten würde.

Damit wäre es für das Recht kein Problem, festzulegen, dass Menschen die hirntot sind in bestimmter Hinsicht (nämlich im Blick auf die Möglichkeit der Organentnahme) als tote Menschen behandelt werden dürfen – vorausgesetzt dies deckt sich mit der individuellen Entscheidung der betroffenen Person, dass sie in diesem Zustand als tote Person behandelt werden will. Zugleich lässt es jedem Einzelnen den ethischen Spielraum, sich zu fragen, wie er oder sie diesen Zustand der Existenz zwischen Leben und Tod bewertet – ob eher im Sinne der (minimalen) Lebendigkeit und eines Zustand des irreversiblen Sterbens oder ob eher als einen Zustand des Todes. D.h. hirntote Menschen als weder lebend noch tot zu betrachten, lässt den Spielraum für eine Pluralität von Todesvorstellungen und -deutungen, die andernfalls zu stark normiert und vereinheitlicht werden müssten.

Damit habe ich hier nun eine Position formuliert, die in der Stellungnahme des Ethikrates so nicht wirklich vorkommt: Ich vertrete zunächst die Position der Gruppe B, die den Hirntod für ein nicht hinreichendes Kriterium hält, um vom Tod der menschlichen Person zu reden. Ich vertrete aber anders als diese Gruppe die Auffassung, dass wir an der dead-donor-rule unbedingt festhalten sollten und sie im Sinne einer Nicht-Tötungsregel verstehen müssen. Das aber geht nur, wenn wir davon ausgehen, dass hirntote Menschen weder lebend noch tot sind.

2. Wie soll man informieren?

Zum Schluss nur noch ein paar kurze Überlegungen dazu, was daraus für die Information über das Thema Organspende folgt. Ich habe bereits in meinem ersten Beitrag zum Thema deutlich gemacht, dass die Information zum Thema Organspende grundsätzlich ergebnisoffen erfolgen sollte. Der Grund dafür ist schlicht, dass Verständnisse von Sterben und Tod sehr unterschiedlich sein können, und dass aus diesen unterschiedliches für die Organspende gefolgert werden kann.

Wir müssen m.E. die Vorstellung, dass wir ein gemeinsames Menschenbild und damit auch ein gemeinsames Verständnis von Sterben und Tod in unserer pluralistischen Gesellschaft haben, aufgeben: Das gehört schlicht zu dem Pluralismus der Weltanschauungen und damit auch der Menschenbilder, den wir in unserer Gesellschaft aus guten Gründen pflegen. Das aber heißt andererseits, dass sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden bedeutet, sich mit diesen eigenen Vorstellungen des menschlichen Lebens und den möglichen Deutungen und Verständnissen des Todes auseinanderzusetzen.

Informationen, die das ermöglichen sollen, dürfen nicht das Ergebnis der Entscheidung schon vorwegnehmen, indem sie implizit oder explizit die Option für die Organspende als das eigentlich Gute erscheinen lassen, sondern sie müssen über Argumente für und wider die Entscheidung zur Organspende informieren und dabei auch Fragen des Todesverständnisses ansprechen. Eben dies fordert auch der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme und hält dabei zu gleich fest, dass es erhebliche Defizite diesbezüglich in den Informationsmaterialien der Krankenkassen gibt:

Das Erfordernis der Ergebnisoffenheit wird nur in einigen Materialien und auf unterschiedliche Weise umgesetzt. (S. 124)

Das heißt, dass es immerhin doch ein paar Informationsmaterialien gibt, die ergebnisoffen sind, aber weit häufiger besteht das Problem, dass kritische Einwände gar nicht erst thematisiert werden. Auf dem Weg zu einem offenen Umgang mit Für und Wider der Bereitschaft zur Organspende ist also offensichtlich noch ein weiter Weg zu gehen. Der Deutsche Ethikrat hat dafür im letzten Teil seiner Stellungnahme die Weichen m.E. in die richtige Richtung gestellt.

Der Deutsche Ethikrat zu Organtransplantation und Hirntod, Teil III

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