Prof. Dr. Michael Coors

Wer hat das Recht zu definieren, was der Islam ist?

Es ist ein beliebter Streit, der gerade anlässlich der schrecklichen Attentate von Paris wieder einmal ausgefochten wird: Die einen bringen es auf die Formulierung „Terrorismus hat keine Religion“ und meinen damit, dass solche Taten durch keine Religion zu rechtfertigen sind, eben auch nicht durch den Islam. Darum muss man den radikalen Islamismus von Islam unterscheiden.

Die andere weisen auf das angeblich grundsätzlich hohe Gewaltpotential des Islams hin, da ja schon der Koran zur Gewalt aufrufe: Es könne ja wohl kein Zufall sei, dass ausgerechnet aus dem Islam so viel Gewalt hervorgehe. Damit halten sie den Islamismus für einen typischen Ausdruck des Islam und verweigern sich letztlich der Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus. Interessant ist, dass die Vertreter der letzten Position sowohl aus dem evangelikalen christlichen Milieu als auch aus dem atheistisch-religionsfeindlichen Milieu kommen. In der Ablehnung des Islams als Religion ist man sich da erstaunlich einig.

Ebenso aufschlussreich ist, dass diese Diskussion vor allem über den Islam in der Außenperspektive geführt wird und dass dabei meistens übersehen wird, dass es auch eine intensive innerislamische Diskussion darüber gibt, wie bestimmte Koranpassagen, die als Legitimation für Gewalt verwendet werden, zu interpretieren und zu verstehen sind.

Angesichts solch eines Streites innerhalb einer Religion, finde ich es ein mehr als fragwürdiges Vorgehen, wenn andere sich Anheischig machen, von Außen kommend den Gläubigen dieser Religion erklären zu wollen, wie sie denn bitte ihre Heiligen Schriften zu verstehen hätten. Denn die Aneignung und Deutung von Heiligen Texten für die Gegenwart ist in jeder Religion ein komplizierter Prozess – und er verläuft in unterschiedlichen Religionen sehr unterschiedlich. Wenn sich z.B. Christen zum Islam äußern, neigen sie gelegentlich dazu, zu denken, der Koran sei für den Islam etwas ähnliches wie die Bibel für das Christentum. Nur stimmt das leider nicht, wie z.B. dieser Blog-Beitrag sehr schön deutlich macht. Der Koran ist vielmehr noch als die Bibel in seiner Schriftgestalt ein Heiliger Text, es geht also auch um religiöse Ästhetik (wie man z.B. auch bei Navid Kermani lernen kann) und ein „Sola Scriptura“-Prinzip kennt der Islam schon gar nicht.

Einen guten Eindruck von der Komplexität der Hermeneutik der Koraninterpretation hat mir als Nichtmuslim das Schreiben von mehr als 120 anerkannter Gelehrten des Islam an al-Baghdadi, den Kopf des sogenannten „Islamischen Staates“, vermittelt. In diesem Schreiben verurteilen die Gelehrten neben vielen anderen Behauptungen des IS auch die Gewaltanwendung unter Berufung auf den Koran und zeigen, wieso es sich hierbei gemäß der Deutungstraditionen des Islam um einen Missbrauch des Korans handelt. Dieses Schreiben wurde bereits im September 2014 verfasst und wurde seltsamer Weise außerhalb des Islam wenig wahrgenommen: Es zeigt aber dass es innerhalb der islamischen „Theologie“ eine sehr detaillierte Auseinandersetzung mit dem IS und der von ihm propagierten Lehre der Gewalt gibt.

Was man in diesem Text gut beobachten kann, ist das ernste Ringen mit den Fragen der Hermeneutik vor dem Hintergrund einer langen islamischen Auslegungstradition. Das kennen wir nun wiederum auch aus dem Christentum sehr gut: Es wird ja gerade von Christen, die den Islam als Gewaltreligion diskreditieren wollen, gerne übersehen, dass auch die Bibel manch einen sehr unverhohlenen Aufruf zur Gewalt enthält. Hier mal nur ein paar wenige Beispiele:

„So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben.“ (4. Mose 31,17-18)

„Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!“ (Psalm 137,9)

„Denkt nicht ich sei gekommen um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit dem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter […] zu entzweien“ (Mt 10,34f)

Nahezu jeder Christ, der in unseren Breiten sozialisiert wurde, wird darauf sofort mit eingespielten hermeneutischen Deutungsregeln antworten, die es erlauben diese Aussagen als nicht zentral für das Christentum herauszustellen – oder die es erlauben sie im übertragenen Sinne zu deuten -, und wird demgegenüber das Gebot der Nächstenliebe und der Feindesliebe betonen. Gegenüber den alttestamentlichen Texten wird man einwenden, dass sie im Horizont des Lebens und der Lehre Christi und des Neuen Testamentes überholt sind. Aber das sind alles Interpretationsregeln, die in der Geschichte des Christentums entwickelt wurden, und es sind Regeln, die nicht immer schon gegolten haben. Vielmehr wurde über viele Jahrhunderte hinweg politische und strukturelle Gewalt (z.B. in Form von Kriegen und Kreuzzügen, aber auch der Unterdrückung von bestimmten Personengruppen) mit solchen Bibelzitaten begründet. Und ohne diese Geschichte der Gewalt gäbe es das Christentum in seiner heutigen Ausdehnung und Relevanz nicht (man denke nur an die Sachsenmission Karls des Großen, die vor die Alternative Taufe oder Tod stellte). Gerade als Christen haben wir also allen Grund sehr vorsichtig damit zu sein, gegenüber dem Islam zu behaupten er sei aufgrund einzelner Koran-Zitate – die dann meist ähnlich aus ihrem Kontext gerissen werden wie die oben verwendeten Bibelzitate – als prinzipiell gewaltbereit einzustufen. Wenn wir dieselben Maßstäbe an die Bibel anlegen würden, und mal ernsthaft in die Geschichte des Christentums blicken würden, müssten wir das dann nämlich auch vom Christentum sagen.

Viel wichtiger scheint es mir darum anzuerkennen, dass es innerhalb des Islam ein wirkliches Ringen darum gibt, wie der Islam zu verstehen ist. Es gibt den gewaltbereiten und Gewalt ausübenden Islamismus, der für sich behauptet, er sei die wahre Form des Islams. Es gibt aber – genauso wichtig und innerhalb des Islams viel verbreiteter, aber von außen viel weniger wahrgenommen – die Lehre des friedlichen Islams. So wie es auch im Christentum unterschiedliche Positionen und ein Ringen um das wahre Verständnis des eigenen Glaubens gibt ist auch der Islam in sich sehr plural. Wer könnte es sich da anmaßen, von außen herzuzutreten und ein Urteil darüber zu fällen, was der wahre Islam sei? Ich halte das schlicht für überheblich! Und es ärgert mich im Übrigen genau so, wenn das mit Blick auf das Christentum gemacht wird- etwas das gerade von Vertretern eines radikal antireligiösen Atheismus gerne gemacht wird.

Es ist natürlich leicht, wenn man eine andere Religion diskreditieren will, diese auf diejenige Deutung festzulegen, von der man annehmen kann, dass sie gesellschaftlich geächtet wird. Darum definieren Christentumskritiker gerne, dass das wahre Christentum ja nur in evangelikalen Kreisen (z.B. bei den Kreationisten) zu finden sei. Es geht dabei um Abgrenzung und Herabsetzung der anderen Religion. Darum identifizieren nämlich auch gerade diese Evangelikalen wiederum den Islam gerne mit den gewaltbereiten Strömungen im Islam. Am Ende steckt dahinter aber nicht mehr als der Wunsch sich die Welt durch einfache Freund-Feind Schemata zu erklären: hier die Guten, dort die Bösen. Und genau dieses schlichte Denken in Freund-Feind-Schemata scheint mir eine der wirklichen gefährlichen Wurzeln von Hass und Gewalt.

Natürlich heißt all das auch, dass ich als Christ auch nicht von außen kommend behaupten kann, der Islam sei per se eine friedliche Religion. Ich kann zunächst einmal nur feststellen, dass genau das innerhalb des Islams umstritten ist – und dass nach außen der gewaltbereite Islamismus sehr viel stärker wahrgenommen wird, als der friedliche Islam: auch weil wir mehr auf die Gewalttaten gucken als auch alles andere (das ist die Tragik an dem Ganzen!). Was ich allerdings von außen an den Islam herantretend sagen kann, ist, dass ich lieber mit denjenigen Muslimen zu tun haben will, die ihren Glauben friedfertig leben wollen. Nicht-Muslimen steht es nicht zu, zu deuten, was die wahre Lehre des Islam ist – ob er nun gewaltbereit ist oder nicht – sehr wohl aber können wir sagen, mit welcher Form des Islam wir lieber leben wollen: nämlich einem friedlichen Islam. Und wer das will, der sollte sich bemühen, die friedlichen Kräfte innerhalb des Islam zu stärken. Dafür aber müssen wir erst einmal unsere Augen öffnen und diese auch wahrnehmen!

Nachtrag (24.11.2015):

Erst nach Abschluss dieses Blogbeitrages bin ich auf diese Sammlung muslimischer Quellen gestoßen, die sich kritisch mit dem islamistischen Terrorismus auseinandersetzen. Sie vermittelt einen noch umfangreicheren Eindruck von der innerislamischen Diskussion als der alleinige Verweis auf das oben erwähnte Schreiben an al-Bagdhadi.

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