Prof. Dr. Michael Coors

Charlie Hebdo, Köln und der tote Aylan

Das Satiremagazin Charlie Hebdo sorgt mal wieder für Aufregung: Auf dem aktuellen Titelbild stellt es eine Verbindung zwischen dem toten Flüchtlingsjungen Aylan und den sexuellen Übergriffen der Silvesternacht in Köln her. Ist das nun rassistisch und menschenverachtend? Darf eine Satirezeitschrift das – dazu noch auf dem Titelblatt? Und selbst wenn sir das darf: Ist es gelungene Satire oder ist es schlechter Geschmack?

Das Bild verbreitete sich gestern über Twitter:

Zu sehen ist oben links in der Ecke eine grafische Darstellung des toten Flüchtlingsjungen und daneben auf Französisch die Frage: „Was wäre wohl aus Aylan geworden, wenn er groß geworden wäre?“ Das Bild zeigt es, die Bildunterschrift benennt es: „Ein Hinterngrapscher aus Deutschland.“ – Ja, das ist verdammt hart! Aber ich halte es nicht nur für erlaubt, sondern sogar für eine sehr treffende, ironisch übersteigerte Darstellung der aktuellen Debatte!

Es ist doch schon sehr merkwürdig: Da geschieht ein massiver sexueller Übergriff auf wehrlose Frauen und alle schreien nach schärferen Regelungen für Flüchtlinge, statt nach einer konsequenteren Durchsetzung des Strafrechtes zu verlangen. Nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in der Politik hängt diese Debatte völlig schief! Verbrechen sind als Verbrechen zu ahnden, egal von wem sie begangen wurden.

Wenn statt dessen nahezu ausschließlich darüber diskutiert wird, dass es Flüchtlinge waren, die diese Verbrechen begangen haben, zeugt das auf ganz eigene Art und Weise vom latenten Rassismus unserer Gesellschaft: Wer jetzt mit Verweis auf Köln danach verlangt, die deutschen Grenzen endlich für Flüchtlinge zu schließen, stellt aufgrund der Verbrechen einiger Flüchtlinge kurzerhand alle (männlichen) Flüchtlinge unter Generalverdacht und verweigert ihnen ein Grundrecht, nämlich das auf Asyl. Charlie Hebdo zieht nur die Konsequenzen aus dieser Haltung, und stellt sie uns mit dieser Karikatur vor Augen: Wenn alle männlichen Flüchtlinge unter Generalverdacht stehen, sexuell übergriffig zu sein (weil das ja angeblich in ihrer Kultur und Religion begründet ist), dann gilt es natürlich auch für den ertrunkenen Aylan – wenn er denn groß geworden wäre (und für alle anderen, die auf der Flucht ertrunken oder irgendwie anders umgekommen sind).

Damit wird die Bigotterie unserer Gesellschaft und der aktuellen Debatte überaus schmerzhaft auf den Punkt gebracht: Vor kurzem noch schrien alle: „Der arme Aylan! Wir müssen etwas tun!“ – und jetzt schreien sie: „Raus mit diesen sexistischen Ausländern!“ Aber wäre Aylan nicht im Meer ertrunken, dann wäre Aylan von diesem aktuellen Hass genauso getroffen worden wie alle anderen. Und damit macht diese Karikatur genau das, was gute Karikaturen machen: Sie bringt die Absurdität der Debatte auf den Punkt und entblößt, wie menschenverachtend jene argumentieren, die aufgrund der Verbrechen von Köln nun meinen, es bräuchte schärfere rechtliche Regeln für Flüchtlinge.

Das einzige wirkliche Problem dieser Karikatur ist, dass man etwas nachdenken muss, um diese Pointe zu verstehen. Und in solch einer erhitzten und polarisierten Debatte geht das Nachdenken dann meistens doch unter. Aber um dieses Risiko dürften die Macher von Charlie Hebdo gewusst haben.

 

Charlie Hebdo, Köln und der tote Aylan
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