Prof. Dr. Michael Coors

Religion/Kirche

Wer hat das Recht zu definieren, was der Islam ist?

Es ist ein beliebter Streit, der gerade anlässlich der schrecklichen Attentate von Paris wieder einmal ausgefochten wird: Die einen bringen es auf die Formulierung „Terrorismus hat keine Religion“ und meinen damit, dass solche Taten durch keine Religion zu rechtfertigen sind, eben auch nicht durch den Islam. Darum muss man den radikalen Islamismus von Islam unterscheiden. „Wer hat das Recht zu definieren, was der Islam ist?“ weiterlesen

Was ist ein Biblischer Kanon? – Zur Debatte über das Alte Testament

Der Berliner Systematische Theologe Notger Slenczka hat in Theologenkreisen jüngst mit einer schon 2013 von ihm verbreiteten These einiges an Aufsehen erregt und es damit sogar bis in die FAZ geschafft: Der Kern seiner These ist, dass das Alte Testament für die christliche Kirche keine kanonische Geltung habe, sondern lediglich so zu behandeln sei wie die sog. apokryphen Schriften. Oder mit seinen Worten formuliert: „Damit ist aber das AT als Grundlage einer Predigt, die einen Text als Anrede an die Gemeinde auslegt, nicht mehr geeignet“ (S. 118).
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Oma Marie, Homosexualität und innerkirchlicher Pluralismus

Das Thema „Homosexualität“ sorgt mal wieder für kontroverse Diskussionen innerhalb der Kirche. Der Anlass ist eine Reportage des NDR, in der der Reporter Christian Decker sich auf die Suche nach Christinnen und Christen begibt, die Homosexualität und Homosexuelle verurteilen.

Und es fällt ihm nicht schwer diese zu finden – man muss nur wissen, wo man suchen muss; nämlich v.a. in bestimmten evangelikalen, fundamentalistischen Kreisen, die eine recht einseitige Form der Bibelauslegung betreiben. Diese findet man zunächst einmal recht leicht außerhalb der Landeskirchen, also in einigen (nicht allen!) Freikirchen. Und dort deckt Herr Decker auch erschreckendes auf – bis hin zu einem Arzt, der anscheinend bei Homosexuellen so eine Art Dämonenaustreibung versucht. Dass der „Schwulenhass“ bei solchen christlichen Randgruppen vertreten wird, reicht Decker aber nicht (es wäre auch nichts sonderlich Neues), er will – so zumindest mein Eindruck –  auch die evangelischen Landeskirchen vorführen und sucht darum unter den Pastoren der Landeskirchen nach einem Evangelikalen, der vor der Kamera Homosexualität als Sünde bezeichnet und davon redet, dass man auch Homosexuellen Heilung anbieten solle. Und wer nur gründlich genug sucht, findet natürlich auch jemanden, der das so sieht: Herr Decker hat Pastor Gero Cochlovius in Hohnhorst gefunden und hat ihn (nach einer zuvor abgelehnten Interviewanfrage) vor der Kirche abgefangen und interviewt und ihm einige Aussagen entlockt, die auch ich alles andere als erfreulich oder Zustimmungswürdig finde (ausführlich zitiert ist das, was von Cochlovius in der Reportage gesagt wird hier).

Der Kontext der Sendung suggeriert dabei, dass Cochlovius die Praxis des Geisteraustreibenden Arztes unterstützen würde – etwas das Cochlovius und der Kirchenvorstand inzwischen entschieden zurückgewiesen haben (s. Stellungnahme der Gemeinde). Es fällt schon beim Angucken der Sendung auf, dass Cochlovius offensichtlich auf kaltem Fuß erwischt wird: Er wirkt nicht sonderlich gut vorbereitet und begeht den Fehler sich in das Interview hineinziehen zu lassen. Das journalistische Vorgehen von Herrn Decker scheint mir da in mancher Hinsicht doch sehr fragwürdig zu sein (lesenwertes dazu hier). Zwar versucht die Reportage den Anschein einer Kontextualisierung der Position von Cochlovius, indem auch ein offizieller Vertreter der EKD befragt wird, der ja auch deutlich sagt, dass diese Meinung innerhalb der Kirchen der EKD eine Außenseitermeinung ist: Aber demgegenüber wird dann immer wieder suggestiv festgehalten: Die EKD lasse ja auch solche Leute in ihren Reihen gewähren, die Homosexualität als Sünde bezeichnen.

Spätestens an diesem Punkt habe ich mich als Theologe und Pastor dieser Landeskirche gefragt: „Was will denn Herr Decker eigentlich?“ Sollen wir jetzt in der evangelischen Kirche ein zentralistisches Lehramt einführen, das quasi ex cathedra wie der Papst in Rom die „Irrlehre“ aus den eigenen Reihen verbannt? Das kann doch nicht ernsthaft die Forderung sein! So lange der innerkirchliche Pluralismus der evangelischen Kirche dem dient, dass es zu produktiven Auseinandersetzungen mit neuen Entwicklungen kommt, gilt er als gut, aber wenn es darum geht, ob wir als Kirche auch Positionen aushalten, die von der Mehrheit (und in diesem Falle auch von mir) kritisiert werden, soll Schluss sein mit der innerkirchlichen Pluralität? Ich bin wirklich nicht der Meinung, die der Kollege aus Hohnhorst vertritt! Aber diese Spannung lassen sich nicht dadurch lösen, dass wir die evangelische Kirche lehramtlich Monopolisieren. Schon rein organisatorisch ist es abwegig, wenn Herr Decker nach der EKD ruft, die in diesem Fall überhaupt keine Befugnisse hat, denn Lehrfragen, werden in den jeweiligen Landeskirchen verhandelt und diskutiert.

Nun, ich habe die Sendung gesehen und erst einmal wieder vergessen, bis ich dann laß, dass Oma Marie deswegen aus der Ev. Kirche ausgetreten ist und dass sich Ihr Brief dazu auf Facebook großer Beliebtheit erfreut. Marie, 84 Jahre alt, ist aus Protest gegen die Äußerung des Kollegen Cochlovius, der in ihrer Nachbargemeinde Pastor ist, aus der Kirche ausgetreten – um ein Zeichen zu setzen: zur Unterstützung ihrer homosexuellen Enkel. Das verlangt mir zunächst Respekt ab, weil ich das Maß an Unterstützung und auch die Geradlinigkeit dieser alten Dame bewundernswert finde. Dennoch finde ich den Austritt eine Überreaktion auf eine für meinen Eindruck recht einseitige Reportage, die v.a. auf die Skandalisierung abzuzielen scheint. Ich bin froh, dass es daraufhin aus der Evangelischen Kirche viele öffentliche Reaktionen gab: von der Webseite evangelisch.de über einen offenen Brief des Landesbischofes der Hannoverschen Landeskirche Ralf Meister, bis hin zu einem Facebook-Post des EKD Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm gab es klare Positionierungen. Führende Vertreter und die Mehrheit der Evangelischen Kirche in Deutschland halten Homosexualität nicht für eine Sünde und Homosexuelle müssen nicht geheilt werden. Und auch ich sehe das so!

Wer nun aber auf die evangelische Kirche schimpft, weil sie nicht klar genug gegen Personen vorgehe, die eine andere Meinung vertreten, hat schlicht nicht verstanden, wie Kirche im evangelischen Verständnis funktioniert und welche Rolle moralische Überzeugungen für das Kirche-Sein der Kirche spielen. Es gehört geradezu zum Kern evangelischer Überzeugung, dass der Glaube (manche sagen auch: die Heilsgewissheit) nicht von den moralischen Überzeugungen abhängt, die jemand vertritt und nach denen er lebt. Sondern es war gerade die wesentlich Einsicht Luthers (in Rückbesinnung auf Paulus), dass wir als Christen zu allererst aus der Vergebung leben, weil wir alle ständig an unseren moralischen Maßstäben scheitern. Die Zusage dieser Vergebung (=Evangelium), insbesondere in der Rede von Gott („Predigt“) und in der Gabe der Sakramente, ist nach einem der zentralen Bekenntnistexte der lutherischen Kirchen das, woran man die wahre Kirche erkennt (Confessio Augustana, Art. 7: „Denn dies ist genug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirchen, dass da einträchtig nach dem reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“). Das heißt in Fragen der Lebensführung kann und wird es immer Streitpunkte geben, die wir als Christinnen und Christen aushalten müssen. Das zeigt sich in der Evangelischen Kirche an vielen Stellen, z.B. auch in den Fragen der Medizin- und Bioethik, mit denen ich mich beruflich beschäftige. Das ist aber auch in vielen anderen ethischen Fragen so: eben auch in Fragen der Sexualethik.

In diesen Diskussionen ist viel Fingerspitzengefühl von allen Seiten gefragt – und ein kurzes Interview in einer Reportage ist eher nicht der Ort für solch ein schwieriges, emotional belastetes Thema. Gerade im Blick auf den Umgang mit Homosexualität müssen sich auch diejenigen, die in Deutschland – auch in der Evangelischen Kirche – die Mehrheit bilden (und dazu zähle ich auch mich), klar machen, dass wir in der weltweiten Christenheit nicht unbedingt eine Mehrheitsmeinung vertreten. Der Umgang mit Homosexualität bleibt in der weltweiten Christenheit strittig, denn es geht um schwierige Fragen der Auslegung der biblischen Texte, die sich m.E. nicht einfach durch eine gründliche Exegese dieser Texte klären lassen, sondern die auch eine systematisch-theologische Klärung bezüglich der Gewichtung und Interpretation biblischer Texte überhaupt verlangen. Und hier gibt es eben innerhalb der Christenheit sehr unterschiedliche Auffassungen.

Entscheidend ist dabei v.a., dass die Diskussion und der Streit darüber von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Dass also nicht andere herabgesetzt oder diskriminiert werden: Das ist natürlich immer eine schwierige Gradwanderung. Wenn eine Gruppe sagt, dass sie eine bestimmte Form der Lebensführung für nicht mit dem Glauben vereinbart hält, wirkt das sehr schnell nach einer Herabsetzung aller derer, die so leben. Und es ist die Aufgabe derer, die das so formulieren, deutlich zu machen, wieso das keine Diskrimnierung sein soll. So ist es m.E. sehr wichtig, dass Pastor Cochlovius und der Kirchenvorstand in ihrer Stellungnahem noch einmal deutlich gemacht haben, dass sie es akzeptieren, dass andere Christinnen und Christen die Bibel bei diesem Thema anders auslegen – und das sie damit auch Homsexuellen keine grundlegenden Rechte absprechen wollen. Man kann natürlich darüber streiten, ob das reicht (mir reicht es natürlich auch nicht). Aber wir alle sollten uns in dieser Diskussion eine gewisse Irrtumstolleranz angewöhnen: Das aber geht nur, wenn wir diese Frage nicht zum status confessionis erheben, also nicht dem anderen seinen christlichen Glauben absprechen, weil er eine andere Meinung dazu vertritt als wir es tun.

Damit wir diese Diskussionen aber innerhalb der Kirche führen können, ist es wichtig, dass diejenigen, die eine andere Meinung vertreten als Pastor Cochlovius, nicht einfach aus der Kirche austreten, sondern in ihr bleiben und sich in der Kirche zu Wort melden.

Was zur Hölle …? Vom Glauben und vom Fürchten

Ein Tweet hat mich dazu angeregt, etwas mehr zu schreiben als 140 Zeichen. Denn bei Twitter stolperte ich die Tage über die folgende Frage:

„Was zur Hölle …? Vom Glauben und vom Fürchten“ weiterlesen

„Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion“ – in der multireligiösen Gesellschaft?

Weil ein Kollege aus Bremen in seiner Predigt andere Religionen beleidigt hat, kochen die Gemüter derzeit mal wieder hoch: Immerhin hat er allen eindrücklich vor Augen geführt, dass es radikale Ansichten nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum gibt. Erste Zeitungen reden schon vom christlichen Hassprediger. Nun will ich hier aber nicht über diese Predigt schreiben – die selber zu hören oder zu lesen ich ehrlich gesagt keine allzu große Motivation verspüre. Aber eine Predigt mit solch einem Zungenschlag verursacht Diskussion über ein sehr viel grundsätzlicheres Thema, nämlich die berühmte Gretchen-Frage: „Wie hast Du’s mit der Religion?“. „„Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion“ – in der multireligiösen Gesellschaft?“ weiterlesen

Freiheit von oder Freiheit zur Religion?

Das Thema Religion ist wieder auf der Tagesordnung: Die einen haben Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung des sogenannten christlichen Abendlandes oder schüren diese Angst (aber die meisten Christen machen dabei einfach nicht mit). Die Anderen denken angesichts des islamistischen Terrorismus der Anschläge von Paris wieder über das Thema nach. Diese Entwicklungen verstärken dabei bloß eine schon lange gärende und immer wieder hoch kochende Debatte über die Rolle der Kirchen und der Religionen in unserer Gesellschaft. „Freiheit von oder Freiheit zur Religion?“ weiterlesen

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